Lesebonbon: Mein „Europäischer Freiwilligendienst“ in Luxemburg – Julia Kolloch

Mai 2019, irgendwo zwischen Düsseldorf und Nimwegen.

Ich saß an meinem Schreibtisch und bereitete eine Hausarbeit für die Uni vor, als mich eine unbekannte Nummer auf mein Handy anrief. Wie eine vernünftige Person verfiel ich für einen Moment in Panik, bevor ich den Anruf entgegennahm und ein atemloses „Hallo, wer ist da?“, hervorbrachte. Eine freundliche Männerstimme antwortete – meine Bewerbung für den Freiwilligendienst wäre angekommen und sie hätten noch einen Platz für mich frei. Ohne weiter darüber nachzudenken sagte ich ja.

So (oder so ähnlich) ging für mich meine Zeit in Luxemburg los. Am zweiten September saß ich dann im Zug mit meinem Rucksack, größer als wahrscheinlich feierlich, neben mir auf dem Sitz und meinem Koffer im Gang, zu breit, um nicht den Gang zu versperren. Ich war sehr nervös – was, wenn die Bahnhöfe in Luxemburg komplett französisch ausgeschildert waren? (Spoiler: Sind sie auch, aber die Menschen sind nett und sprechen auch englisch). Brauchte ich echt so viel Kram? Wie würden die anderen Freiwilligen drauf sein? Und wie das Land?
Zwei Umstiege später sollte ich es das erste Mal herausfinden. Mit einem Ersatzbus tuckerte ich bis nach Betzdorf über eine große Landstraße, bis ich an der richtigen Haltestelle ausstieg und mich meine zwei Mitfreiwilligen, Theresa und Viola, in Empfang nahmen. Sie zeigten mir den Ort, der für die nächsten elf Monate mein Zuhause werden würde – und damit auch den Ort, wo mein Abenteuer losgehen würde. Auch Andreas, unser Projektleiter und Mentor, kam vorbei, um sich noch einmal vorzustellen und den Site, also das Gelände zu zeigen.
Ich erinnere mich an die ersten Tage – einerseits war alles erledigt und doch gab es so viele bürokratische Angelegenheiten, so viel „Hallo, ich bin die neue Volontärin von Deckelsmoucken, die Julia“, dass es ein bisschen ineinander verschwimmt. Das WG-Leben pendelte sich ein, wir waren sehr froh über uns Volontärsauto (eine wirklich tolle Sache, weil es das Einkaufen erleichtert) und lernten Stück für Stück St. Joseph und damit auch Betzdorf kennen.

Das Dorf liegt eingebettet zwischen mehreren Hügeln und zwei Dörfern auf dem Land. Trotzdem ist es nicht ganz so ablegen, wie der Name vielleicht vermuten lässt. Es gibt eine Bahnhaltestation, mit der man Luxemburg und auch Trier in einer halben Stunde erreichen kann. Von dort aus ist auch der Rest der Welt wunderbar zu erreichen. Wenn man ein bisschen besser organisieren kann als unsere WG, dann kann man bestimmt zusammen Frankreich, Belgien und auch Deutschland ganz oft besuchen.
Menschentechnisch besteht Betzdorf zu etwa 70 % aus den Bewohnern aus dem Institute, wo Theresa, Viola und ich unser Freiwilligenjahr erlebt haben. St. Joseph ist ein Teil von elisabeth, einem sozialen Träger in Luxemburg. In dieser Einrichtung leben Menschen mit körperlicher und geistiger Beeinträchtigung gemeinsam in Wohngruppen. Außerdem gibt es eine Tageseinrichtung, in der es allerhand Angebote und Selbstverwirklichungsangebote gibt.
Das Gelände ist, um ehrlich zu sein, kaum zu übersehen. Auf der einen Straßenseite, Rue de Wecker 2, gibt es einen riesigen Parkplatz, von der einen Seite umschlossen von einem großen, gelben, L-förmigen Gebäudekomplex. Dort befinden sich einerseits die Administration, andererseits auch die Tagesgruppen und die Ateliers (wo Viola gearbeitet hat). Die andere Seite ist eine Grünfläche, zum Spazierengehen und Flanieren ausgelegt. Ein bisschen weiter vorne ist auch ein schönes Gewächshaus, in dem auch das CPP beheimatet ist.
Weiter hinten, es ist tatsächlich ein bisschen abgeschottet vom Rest des Sites, liegt ein Nonnenkloster und auch die Ortskirche. Direkt gegenüber ist das Gebäude K, der Ort, an dem ich vorwiegend aufzufinden war während meines Freiwilligendienstes. Hoch oben in diesem Gebäude lebt die Kindergruppe Madagascar, da war Theresa hauptsächlich engagiert. Ich war in der Jugendgruppe Deckelsmoucken. Zudem lebt noch eine „Junge Erwachsenen Gruppe“ in der ersten Etage, die Gruppe Columbus.
Das war die eine Straßenseite. Auf der anderen Straßenseite findet man zum Teil den Rest der Wohngruppen, die gemischt sind an Alter, Geschlecht und Lebensgeschichte. Und zum anderen Teil findet man dort die Küche, die Cafeteria, einen Streichelzoo und sogar ein Schwimmbad.
Jetzt kommt die Frage aller Fragen – wo haben die Volontäre gewohnt? Wir waren im Volontärshaus beheimatet, auch liebevoll Pastorenhaus genannt. Ein sehr großes, wirklich gemütliches Haus mit viel Platz für sechs Freiwillige aus allen Ecken und Winkeln Deutschlands. Warte mal. Sechs? Richtig. Sechs Freiwillige. Viola, Theresa und ich waren die ersten drei Wochen zu dritt im Pastorenhaus, doch Ende September stießen die Fairtrade-Volontäre Alina, Annika und Jaron zu uns dazu.
Es war eine sehr spannende Zeit zusammen, mit vielen großartigen Erinnerungen, einigen nicht so schönen und umso legendäreren Spiel- und Racletteabenden. Wir schafften es sogar, ein paar Ausflüge gemeinsam zu unternehmen, zum Beispiel zum Weihnachtsmarkt in Metz in Frankreich.
Doch die meiste Zeit verbrachte ich auf Deckelsmoucken, der besten Gruppe der Welt (und nein, ich bin überhaupt nicht parteiisch, das ist einfach so, fragt mal die Leute in Deckelsmoucken). Ich war am Anfang ein bisschen besorgt, denn ich kannte niemanden dort – wie würde das Team sein? Würden die Jugendlichen jemandem in ihrem Alter überhaupt annehmen?
Meine Sorgen waren vollkommen unbegründet. Die Jugendlichen waren alle sehr interessiert an mir, an meiner Sprache und woher ich kam. Auch das Team nahm mich sehr warm auf, ich erinnere mich auch jetzt noch an unfassbar viele tolle und witzige Momente mit ihnen zurück.
Aber zurück zur Frage – was habe ich überhaupt gemacht?
Ganz im Sinne des Profils von St. Joseph bzw. elisabeth, ist vor allem Selbstbestimmung, Teilhabe und Autonomie das Ziel der Wohngruppe. Das klingt alles ganz toll und die Wörter sind großartig für zukünftige Hausarbeiten, aber wie sieht sowas im Alltag aus? Es geht einfach darum, den Jugendlichen einen normalen Alltag zu ermöglichen. Es klingt teilweise etwas seltsam, aber das ist tatsächlich gar nicht so einfach, wenn man nicht richtig lesen oder schreiben kann.
Es fängt an bei gemeinsamem Zimmer putzen, Einkaufstraining, Begleitung ins Jugendhaus bis hin zu gemeinsamem Kochen (was echt schwer ist, ohne genaue Grammangabe!) und tollen Gesprächen. Es gab sehr viel Raum, eigene Projekte zu verwirklichen. Theresa und ich haben zum Beispiel zwei Mal in der Woche eine gruppenübergreifende Aktivität geplant. Das war einerseits wirklich spaßig und andererseits auch sehr herausfordernd, da man eine Altersspanne von vier bis achtzehn Jahren zu überbrücken hatte.
Bis zum Lockdown war ich auch teilweise im Atelier eingesetzt. Wir als Volontäre bekamen die einzigartige Möglichkeit, ein eigenes Angebot zu organisieren und zu leiten. Mit fünf Bewohnern „backten“ wir uns um die Welt und probierten dabei allerlei Süßkram wie zum Beispiel amerikanischen Kürbiskuchen und auch türkische Baklava. Das Projekt wurde leider im Februar eingestellt, da die Ateliers selbst noch mal umstrukturiert wurden.
Die Ateliers sind Tagesgruppen für die Bewohner auf dem Site. Die Bewohner haben die Möglichkeit, künstlerisch kreativ zu werden via Malerei oder Töpferei, aber sie können auch im Kerzenatelier, oh Wunder, Kerzen machen aber auch Feuerzünder selbst bauen.
Leider wurden die Ateliers Anfang März aufgrund der Corona-Maßnahmen vorerst auf Eis gelegt, um die Verbreitung des Virus möglichst gering zu halten. Die folgende Zeit war wirklich nicht leicht, aber ich bereue nicht, geblieben zu sein trotz der vielen Einschränkungen in meinem Alltag. Ich konnte viel, wahrscheinlich sogar am meisten, aus dieser Zeit mitnehmen.
Anders als die Fairtrade Freiwilligen, durften wir Volontäre aus Betzdorf entscheiden, ob wir heimfahren wollen. Wir sind dann alle drei geblieben und haben den Dienst fortgesetzt. Es gab einige Einschneidungen in unserem Leben, z.B. wurden wir gebeten, möglichst wenig selbst einzukaufen und so viele Lebensmittel wie möglich aus der Küche zu bestellen. Auch der Kontakt nach draußen war gering und Reisen war auch nicht möglich (von Ausnahmen mal abgesehen). Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass die Maßnahmen, die die Corona-Pandemie auf mein Leben hatte, gar nichts zu dem war, was auf dem Site passierte.
Zum Schutze der Bewohner gab es ab April Schutzkleidung und Masken. Auch sollte man möglichst auf Abstand zu den Bewohnern gehen und sich regelmäßig die Hände waschen. Für die Jugendlichen war es wirklich schwer, den neuen Alltag anzunehmen – keine Schule mehr, ständig zuhause hocken. Nach einer Weile gab es dann ein Homeschooling, sodass ein neuer Alltag entstehen konnte. Nachmittags gab es unterschiedliche Aktivitäten.
„Was ist Corona“ bis hin zu „Wann ist es denn vorbei, das Corona-Virus?“ waren teilweise die schwersten Fragen, die ich beantworten musste. Denn was erwidert man auf so etwas? Abgesehen von dem kompletten Alltagsverlust, durften sie auch ihre Familien bis Anfang Juni nicht sehen, auch lange, als die Schule wieder losging. Als es dann wieder möglich war, gab es sehr strenge Auflagen.
Wie gesagt, ich will nichts beschönigen – es war wirklich schwierig an manchen Tagen und anstrengend, aber gleichzeitig auch unfassbar bereichernd. Ich habe festgestellt, wie viel man als einzelne Person ausmachen kann, indem man schlicht da ist und die Jugendlichen wissen, dass man sich auf einen verlassen kann.
Gegen Ende Mai kamen neue Regelungen in Luxemburg an. Alle zwei Wochen musste man sich testen lassen. Die Situation auf dem Site lockerte sich ein bisschen. Die Jugendlichen durften wieder in die Schule – mit Masken und strengen Regeln, aber es war möglich.
Im Sommer, zu Beginn des Junis waren auch kleinere Aktionen innerhalb der Gruppe wieder möglich. Ich erinnere mich sehr gern an die vielen Wasserschlachten, Kreideaktionen, Schnitzeljagden und Ausflüge in allerlei Orte zurück. Sehr bald musste ich dann meine eigene Abschiedsparty schmeißen – wir kochten zusammen, hörten Musik und dann musste ich bald schon abreisen.
Jetzt ist Oktober, 2020. Wieder sitze ich vor einem Schreibtisch und schreibe. Es ist seltsam, dieses Jahr Revue passieren zu lassen und zu wissen, dass mich diesmal keiner anrufen wird (außer vielleicht der Telecom). Zu schreiben, was ich erlebt habe, ist schwierig – denn ich habe so viel erlebt und so viel gefühlt, dass es sich kaum beschreiben lässt. Und es ist auch schwer zu realisieren, dass dieser Teil meines Lebens nun zu Ende sein soll.
Ich bin dankbar – für elf großartige Monate meines Lebens. Für all die tollen Menschen, die ich kennengelernt habe. Dafür, dass die EU ein großartiges Programm für die Jugend geschaffen hat, den europäischen Solidaritätskorps. Andererseits bietet es nun anderen jungen Menschen die Chance, Betzdorf und mit all seinen Bewohnern kennen- und lieben zu lernen. Ich hoffe sehr, dass sie ihre Zeit genauso großartig, bunt und vor allem tipi-tipi in Erinnerung erleben werden, wie ich es tue.
Mit diesen Worten beende ich diesen viel zu langen Artikel dann endlich auch – schließlich hat alles leider irgendwann ein Ende.
… bis auf die Wurst. Die hat zwei.

Die Deckelsmoucken-Volontärin Julia „Luhlia“ Kolloch, Freiwillige im Jahr 2019/2020


Kontakt: andreas.weist@elisabeth.lu